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Deutsche Jugendliche - Traurige Spitzenreiter in Sachen Körperunzufriedenheit

Den kritischen Blick in den Spiegel und auf die „persönlichen Problemzonen“ – wer von uns kennt ihn nicht… Auch Kinder und Jugendliche machen sich wiederkehrend ein Bild von sich und ihrer Körperlichkeit. Dabei werden sie häufig von falscher Selbstwahrnehmung und idealisierten Schönheitsidealen in die Irre geführt, so das Fazit eines Forschungsteams der Universität Bielefeld: Jedes zweite 15-jährige Mädchen und jeder dritte Junge findet sich laut einer Befragung zu dick, selbst wenn objektiv gar kein Übergewicht vorliegt. Lesen Sie mehr…

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Die Studie: Wie steht es um das Gesundheitsverhalten von deutschen Kindern und Jugendlichen?

...diese Frage stellt sich der deutsche Teil der aktuellen Erhebung „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC). Hierbei handelt es sich um eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Gesundheitsverhalten von Schulkindern, die bereits seit dreißig Jahren regelmäßig in 39 Ländern und Regionen Europas und Nordamerikas durchgeführt wird.

Für die deutsche Teilstudie befragten Wissenschaftler der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld rund 5.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 11, 13 und 15 Jahren. Mittels eines standardisierten Fragebogens erfassten sie unter anderem Körpergewicht, Diätverhalten sowie das persönliche Körperbild der Kinder und Jugendlichen.

Die Ergebnisse: Körperwahrnehmung vielfach verzerrt

Während sich die Hälfte der befragten Mädchen und 34% der Jungen als zu dick einstuften, gaben bloß 38% der Mädchen und 48% der Jungen an, ihren Körper genau richtig zu finden. Im internationalen Vergleich nehmen deutsche Kinder und Jugendlichen damit Platz 1 in Sachen Körperunzufriedenheit ein – eine Platzierung, die keinen Anlass zur Freude, sondern vielmehr zur Sorge gibt… Besonders alarmierend ist, dass der Zusammenhang zwischen körperlicher Unzufriedenheit und tatsächlichem Körpergewicht dabei stark verzerrt ist: Viele Jugendliche finden sich übergewichtig, obwohl sie keineswegs zu viele Kilos auf die Waage bringen.

Länderübergreifend lässt sich als Muster beobachten, dass die Unzufriedenheit mit dem Alter ansteigt. Bezogen auf Deutschland bedeutet dies: Mädchen finden sich mit zunehmenden Alter häufiger ein wenig oder viel zu dick (+ 9,7% im Vergleich der 11- zu den 15-Jährigen), während dieser Anteil bei den Jungen im Altersverlauf wieder sinkt und sie sich stattdessen immer öfter als zu dünn wahrnehmen.

Diesen Geschlechtsunterschied in der Selbstwahrnehmung und die Tatsache, dass sich Mädchen im Vergleich zu Jungen öfter als zu dick beschreiben, erklären die Forscher mit den pubertätsbedingten körperlichen Veränderungen: Bei Mädchen nehmen die weiblichen Rundungen zu, womit sie sich vom gesellschaftlichen Schlankheitsideal entfernen. Jungen nähern sich stattdessen durch einen Zuwachs an Muskelmasse dem Ideal des muskulösen Mannes an – dass sich viele männliche Jugendliche als zu dünn wahrnehmen, ist hier die „Kehrseite der Medaille“ (Universität Bielefeld 2012).

Die Konsequenzen: Förderung eines positiven Körperbildes

Mit Blick auf die Studienergebnisse empfehlen die Wissenschaftler, den Aspekt der subjektiven Körperwahrnehmung verstärkt bei Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung zu berücksichtigen, anstatt nur das Körpergewicht in den Fokus zu stellen. Auch die Förderung einer reflektierten und kritischen Haltung gegenüber den Medien sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden, schließlich sind es Fernsehen, Zeitschriften und Co, die ein unrealistisches Schlankheitsideal für Mädchen und ein muskulöses oder andererseits androgynes Körperideal für Jungen transportieren.

Wichtig erscheint außerdem, dass Eltern und Lehrkräfte ein Bewusstsein für die Tatsache entwickeln, dass sie mit ihren Reaktionen auf die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen starken Einfluss auf deren Körperzufriedenheit haben. Mit wertschätzend-bestärkenden Signalen kann so langfristig eine gesunde Lebensweise befördert und ungesunden Ernährungspraktiken wie Diäten sowie psychischen Problemen bis hin zu Essstörungen vielfach der Nährboden entzogen werden.

Weitere Informationen:
HBSC-Studie

Quellen:

HBSC-Team Deutschland (2011): Studie Health Behaviour in School-aged Children – Faktenblatt „Körperbild und Diätverhalten von Kindern und Jugendlichen“. Bielefeld: WHO Collaborating Centre for Child and Adolescent Health Promotion.

Universität Bielefeld (2012): Pressemitteilung: Deutsche Jugendliche finden sich zu dick. Veröffentlicht am 15. Mai 2012. Verfügbar unter: http://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/deutsche_jugendliche_finden_sich_zu [Stand: 01.08.2012].

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