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"... Lehrkräfte können dem Thema die Schwere nehmen!" - Fachtherapeutin Dorothea Voss im Interview

Welche Rolle kommt Lehrkräften in der schulischen Prävention von Essstörungen zu? Und wecken PädagogInnen nicht gar schlafende Hunde, wenn sie im Unterricht über Magersucht & Co. sprechen? Diese und viele weitere spannende Fragen haben wir Dorothea Voss, Fachtherapeutin für Essstörungen beim Therapienetz Essstörung, gestellt…

Bild: 'Dorothea Voss_klein.jpg'

Mit dem Unterrichtsprogramm „bauchgefühl“ wurde im Rahmen der gleichnamigen Initiative ganz bewusst ein Instrument geschaffen, um die Prävention von Essstörungen in Schulen zum Thema zu machen. Warum ist das so wichtig?
Während es in Bezug auf andere Suchtformen wie Drogen, Alkohol oder Rauchen ja schon eine sehr lange Präventionstradition an Schulen gibt, ist dies mit Blick auf die Essstörungen noch nicht der Fall. Dabei steht die Vernachlässigung des Themas in keinem Verhältnis dazu, wie viele Essstörungen es heute, gerade bei (weiblichen) Jugendlichen, aktuell gibt: Jede dritte weibliche Jugendliche hat eine Vorstufe einer Essstörung und jede zwanzigste leidet an einer ausgeprägten Erkrankungsform. Von daher ist die Vorbeugung von Magersucht & Co. ein ganz heißes Thema, das endlich auch in der Schule gezielt aufgegriffen werden sollte.

Welche Rolle kommt Lehrerinnen und Lehrern dabei zu?
Lehrerinnen und Lehrer haben die wichtige Aufgabe, das Thema einzubetten und ihm einen offiziellen Rahmen zu geben. Welche Schulstunde kann ich dafür zur Verfügung stellen? Welches Teilthema wähle ich aus und wie strukturiere ich die Einheit so, dass sie für die Schülerinnen und Schüler wirklich ansprechend und interessant ist – all das sind wichtige Fragen in diesem Kontext.

Wie kann ich als Lehrkraft Begeisterung für das Thema wecken?
Lehrkräfte können Begeisterung wecken und dem Thema die Schwere nehmen, indem sie nicht zu Beginn kommunizieren „Wir reden jetzt über Essstörungen.“, sondern stattdessen vermitteln, dass es um Schönheitsideale, Selbstwertgefühl, Körperzufriedenheit oder auch um Lebensmittel und Ernährung geht. All das sind Themen, die Teenager unheimlich interessieren und gedanklich umtreiben. Wenn Lehrerinnen und Lehrer all das gut aufbereiten und interessante Einstiegsimpulse nutzen, wie sie z. B. im Unterrichtsprogramm „bauchgefühl“ angeboten, werden die Schülerinnen und Schüler aufmerksam und mit Spaß bei der Sache sein.

Was entgegnen Sie der Sorge, dass Schülerinnen und Schüler durch das Aufgreifen der Thematik erst auf die Idee gebracht werden, verstärkt aufs Gewicht zu achten oder eine Diät zu beginnen?
Die einzige Gefahr, die im Hinblick auf eine mögliche Nachahmung besteht, rankt um die Symptomatik des Erbrechens. Diese Imitation geht jedoch nicht auf den Schulunterricht, sondern auf Fernsehreportagen, Zeitschriften oder Bücher zurück, in denen Betroffene vom Erbrechen nach Essanfällen berichten und insbesondere Mädchen dadurch auf die Idee kommen: „Mensch, so könnte ich es ja auch mal probieren.“ Ein solches Phänomen habe ich schon mehrfach in der Beratung erlebt.

Was den schulischen Kontext angeht, habe ich keine Sorge, dass das Aufgreifen der Thematik zur Entstehung gestörter Essverhaltensweisen beitragen könnte, da dies ja auf sehr kritische Weise geschieht. Wenn es dort um das Thema „Erbrechen“ geht, wird im Idealfall nicht vermittelt, dass die Essattacke dadurch ungeschehen gemacht wird und einen positiven Effekt hat. Vielmehr wird beleuchtet, was das Erbrechen bei der betroffenen Person körperlich und seelisch auslöst und welchen Suchtcharakter dies annimmt. Die differenzierte, kritische Betrachtung „von allen Seiten“ beugt Nachahmungstendenzen in der Regel wirksam vor.

Wenn wir ein anderes Top-Thema, und zwar das der „Diäten“ betrachten, so ist dies bei den Jugendlichen sowieso schon allgegenwärtig und nichts, worauf die Schülerinnen und Schüler erst im Rahmen einer Schulveranstaltung gebracht werden müssen. Wenn wir die Umfragen betrachten, haben die meisten 11- bis 13-Jährigen schon einmal eine Diät gemacht, sogar die Jungs. Das heißt, es ist nichts Fremdes, sondern eine praktizierte Verhaltensweise, die kritisch besprochen werden muss. Auf diesem Wege kann auch den ganzen Fehlmeinungen endlich einmal etwas entgegensetzt werden – wie etwa „Nach 18 Uhr darf man nichts mehr essen“ oder „Kohlenhydrate zum Abendessen machen dick“. Im Hinblick auf diese Diät- und Ernährungsmythen kann Schule wunderbar gegensteuern und korrekte Informationen weitergeben, die zu einer kritischeren Haltung oder auch zu mehr Gelassenheit mit Blick auf die Ernährung führen.

Welche Warnsignale können Betroffene an Lehrerinnen und Lehrer aussenden?
Diese Frage muss ich sehr differenziert beantworten: In Bezug auf die Essstörung „Bulimie“ werden Lehrerinnen und Lehrern sehr wenige Warnsignale begegnen, weil sich meist keine körperlichen Veränderungen einstellen. Stutzig werden sollten Sie, wenn sich das Wesen und Verhalten verändert: Jemand wird stiller, wirkt bedrückter, zieht sich mehr zurück, wirkt unkonzentriert, überlastet… Heimlichkeiten rund ums Essen und Erbrechen können bei Ausflügen oder Klassenfahrten beobachtet werden; etwa wenn eine Schülerin oder ein Schüler bei den Mahlzeiten sehr, sehr großen Mengen isst und sofort danach für längere Zeit auf der Toilette verschwindet.

Bei der Magersucht und bei der Esssucht mit Übergewicht ist das Erkennen einfacher, da sich viele äußere Veränderungen einstellen. Ins Auge fällt, dass sich das Gewicht verändert – nach oben oder nach unten. Bei der Pausenaufsicht könnte auffallen, dass jemand entweder andauernd isst (Esssucht) oder überhaupt nichts mehr zu sich nimmt und nur noch Wasser trinkt oder sehr viel Kaugummi kaut (Magersucht).Bei der Magersucht ist darüber hinaus alarmierend, wenn ein/e SchülerIn sehr blass ist, dunkle Ringe unter den Augen hat oder gar nicht mehr so ansprechbar, aufmerksam und wach wie früher ist.

In seltenen Fällen machen Betroffene auch verbale Andeutungen, wie etwa „Ich habe solche Kopfschmerzen.“, „Ich habe Bauchschmerzen.“ oder „Mir geht es nicht gut.“. Der Großteil trägt das Problem jedoch eher still mit sich aus und wartet ab, bis er darauf angesprochen wird. Wobei zu den Essstörungen oft diese Ambivalenz gehört zwischen: „Mir geht es gut, lass mich bloß in Ruhe“ und „Oh, eigentlich habe ich große Angst, dass es sehr gefährlich ist, was ich mache und bitte hilf mir“.

Zum zweiten Teil des Interviews…

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