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Essstörungen haben viele Gesichter: Drunkorexia, Orthorexie & Diabulimie

Die klassischen Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Esssucht sind mittlerweile einer breiten Öffentlichkeit bekannt – sicherlich könnten auch Sie problemlos einige Hauptmerkmale aufzählen. Im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen und Trends lassen sich jedoch auch immer wieder neue Phänomene rund um das gestörte Essverhalten beobachten. Einige recht weit verbreitete möchten wir Ihnen im Folgenden vorstellen.

Gestörtes Essverhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es ist stets in einen individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Kontext eingebettet. In Zeiten von „Binge-Drinking“ bzw. „Komasaufen“ verwundert es nicht, dass insbesondere figurbewusste Mädchen und junge Frauen die abendliche Kalorienzufuhr in Form von Cocktails und Hochprozentigem durch vorgeschaltete Fastentage ausgleichen wollen… Oder, dass mit Blick auf Biotrend und steigendes Gesundheitsbewusstsein manche das „gesunde“ Maß verlieren und schlichtweg einen krankhaften Zwang entwickeln, sich gesund zu ernähren…

Drunkorexia – Alkoholkonsum ohne Reue

Das Phänomen „Drunkorexia“ gilt zwar offiziell nicht als Krankheit, ist aber nichts desto trotz auf dem Vormarsch und dabei sehr gefährlich. Zusammengesetzt aus den Wörtern „drunk“ (engl. betrunken) und „Anorexia“ (Magersucht) steht der Begriff für das strikte Diäthalten am Tage, um Abends auf Partys oder beim „Vorglühen“ vor dem Discobesuch ohne schlechtes Gewissen und Gewichtszunahme Kalorien „wegtrinken“ zu können. Schließlich sind viele alkoholische Getränke wahre Kalorienbomben: Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass ein halber Liter Bier ca. 200-300 kcal hat, ein Mixgetränk (0,275l) 200 kcal und drei Schnäpse (0,04l) 240 kcal, kommt an einem ausgelassenen Partyabend schnell die Kalorienmenge ganzer Mahlzeiten zusammen…

Tagelanges Hungern, um sich richtig betrinken zu können – eine Verhaltensweise, die sich in Zahlen noch nicht belegen lässt, aber ernste Gefahren birgt: Die Mädchen vertragen weniger, was das Risiko einer Alkoholvergiftung erhöht. Hinzu kommt, dass dem Körper durch das Fasten keine Nährstoffe, Vitamine und Mineralien zugeführt werden und der Alkohol dem Organismus diese noch zusätzlich entzieht. Mangelerscheinungen können auf Dauer die Folge sein.

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Orthorexie – wenn Gesundheitsbewusstsein krank macht…

Meist beginnt es ganz harmlos mit dem eigentlich guten Vorsatz, sich bewusster und gesünder ernähren zu wollen. Nach und nach wird den als gesund geltenden Nahrungsmitteln und deren Zubereitung jedoch ein immer größerer Stellenwert im Alltag eingeräumt, der dem ausgeprägten Verlangen nach „gesunder“ Ernährung einen suchtartigen Charakter verleiht.

Der amerikanische Arzt Steven Bratman beschrieb den Essenskult 1997 als erster und bezeichnete ihn als Orthorexie, was frei übersetzt „der richtige Appetit“ bedeutet.

Für Orthorektiker spielen nicht die Menge und der Kaloriengehalt, sondern einzig und allein die Qualität und der gesundheitliche Nutzen des Essens eine Rolle. Die Betroffenen verbringen täglich mehrere Stunden damit, Vitamingehalte und Nährwerte zu berechnen und kaufen „erlaubte“ Lebensmittel ausschließlich im Bioladen, Reformhaus oder auf dem Markt. Tierische Fette, Zucker, Fertigprodukte und Restaurantbesuche sind tabu. Sobald eine Ernährungsregel gebrochen wurde, machen sich Schuldgefühle breit.

Darüber, ob es sich bei der Orthorexie um eine Essstörung oder nur um eine extreme Ernährungs- und Lebensweise handelt, sind sich die Experten uneins. Oft sind die Betroffenen jedoch nicht mehr fähig, ein normales Leben zu führen und geraten in die soziale Isolation, was typisch für eine Zwangserkrankung ist. Hinzu kommt, dass Menschen, die an einer klassischen Essstörung litten und sich auf dem Weg der Heilung befinden, besonders gefährdet sind, eine Orthorexie zu entwickeln. In diesem Fall geht die quantitative Essstörung fließend in eine sog. qualitative Essstörung über.

Diabulimie – Schlank um jeden Preis trotz Diabetes

Die 15-jährige Anna war immer sehr dünn. Schlank zu sein, war ihr wichtig; es bescherte ihr großes Selbstbewusstsein und die Anerkennung von Freundinnen und Klassenkameraden. Vor einem Jahr erschütterte die Diagnose „Diabetes mellitus Typ 1“ ihr Leben. Zum Glück lässt sich die sog. Zuckerkrankheit mit Insulin recht gut in Schach halten. Anna stellte jedoch schnell mit Erschrecken fest, dass Insulin den Zeiger auf der Waage nach oben treibt, da der Körper Kohlenhydrate besser verwertet und den Kalorienüberschuss in Fettzellen umwandelt. Aufgrund ihres ausgeprägten Schlankheitsstrebens senkte Anna daraufhin ihre Insulindosis ohne ärztliche Rücksprache, um nach kurzer Zeit ganz darauf zu verzichten, sich das lebenswichtige Medikament zu injizieren…

Britische Ärzte kommen zu der Schätzung, dass bis zu ein Drittel der jungen Mädchen, die an Diabetes leiden, Insulin-Spritzen auslässt, um dünn zu bleiben und damit dem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu entsprechen. Auch in Deutschland ist das Phänomen, welches Experten „Diabulimie“ nennen, bekannt. Alarmzeichen sind Gewichtsabnahme trotz normaler oder zunehmender Nahrungsaufnahme und ein hoher Blutzuckerspiegel. Die körperlichen Schäden, die eine unbehandelte Diabetes verursacht, sind lebensbedrohlich: Die Zuckerwerte steigen und die Betroffenen verlieren übermäßig viel Flüssigkeit, was über kurz oder lang den Stoffwechsel zum Erliegen bringt und im Koma enden kann. Auch weitere irreversible Schäden an Augen, Nieren oder Herz können die Folge sein.

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