Artikel

Schlankheitswahn & Berufsorientierung: Model-Castingshows haben großen Einfluss

Modelcasting im TV und kein Ende in Sicht… Zum Jahresanfang können wir gleich auf zwei Sendern die Suche nach „Der Schönsten im ganzen Land“ verfolgen, was insbesondere Jugendlichen viel Spaß macht. Wir haben einmal genauer hingeschaut und sind auch auf negative Effekte gestoßen: Das Sendeformat kann vor allem bei Mädchen zur Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen sowie frühes Diäthalten und die Verinnerlichung eines perfekten Schönheitsideals fördern. Doch damit nicht genug…

Bild: 'iStock_000009949632Small.jpg'

Die sechste Runde von Heidi Klums Modelsuche brach im Jahr 2010 alle bisherigen Quotenrekorde und lockte im Schnitt gut 3 Millionen Zuschauer vor den Fernseher. Auch die Kandidatinnen scheinen der Sendung noch lange nicht auszugehen: Für die aktuelle Staffel haben sich 15.711 junge Mädchen und Frauen beworben.

Ohne Frage erfreuen sich Castingshows im Allgemeinen nach wie vor großer Beliebtheit bei Kindern und Jugendlichen: Berliner Wissenschaftler fanden heraus, dass Castingsendungen 31% der 12- bis 17-Jährigen wichtig oder sehr wichtig sind. Die größten Fans sind Mädchen im Alter von 12 bis 13 Jahren. Für eine Mehrheit von 60% unter ihnen sind Shows dieser Art (sehr) bedeutsam (vgl. Hackenberg & Hajok 2010).

Spaß, Spannung & noch viel mehr – Die Motive der jungen ZuschauerInnen

Beim Anschauen von Casting-Shows wie „Germany´s Next Topmodel“ stehen Unterhaltung, Spannung, Spaß oder auch die Überbrückung von Langeweile im Vordergrund.

Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen konnte darüber hinaus im Jahr 2010 zeigen, dass häufig ästhetische Aspekte, wie etwa das Vergnügen darüber, schöne Menschen zu sehen und deren Inszenierung auf Hochglanzfotos mit zu verfolgen, zählen.

Besonders bedeutsam scheint auch die Tatsache, dass die Kandidatinnen durch ähnliches Alter, Ziele sowie durch das Meistern großer Herausforderungen und ständiger Beurteilung zahlreiche Identifikationsmöglichkeiten bieten.

Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass die mediale Modelsuche beliebter Gesprächsstoff auf dem Schulhof oder auch in sozialen Netzwerken ist. Mitreden, mitfiebern und mitlästern zu können ist daher ein weiteres zentrales Motiv der zumeist weiblichen Zuschauer.

Leistung, Anpassung & Berufsperspektive – Lernen für das „echte“ Leben

Wie die Untersuchung des IZI aufzeigt, vermitteln Model-Castingshows vielen Jugendlichen den Eindruck, etwas für ihre Entwicklung und Zukunft mitzunehmen, schließlich zeigen die Sendungen vermeintlich, worauf es im Leben ankommt und wie man sein muss, um Erfolg zu haben: „Nicht die Politisierung oder gar Revolutionierung von Gesellschaft sind wichtige Werte, zentral ist die Anpassung an Normen und der Versuch, möglichst gut zu lernen und sich dahingehend zu verändern, dass man in das bestehende System passt“ (Götz & Gather 2010a, S. 4). Diese Tendenzen entsprechen den pragmatischen Werteorientierungen, denen Jugendliche auch im „wirklichen Leben“ zunehmend folgen.

Interessant ist darüber hinaus, dass Model-Castingshows Jugendlichen offensichtlich eine Berufsperspektive bieten – gemäß der Annahme „Hier erlebe ich live, wie man lernen kann, ein Topmodel zu werden“. Die Konsequenz ist erstaunlich: Während eine Castingshow wie „Deutschland sucht den Superstar“ nur wenig Interesse weckt, selbst professionell ins Musikgeschäft einzusteigen, ist es bei den „Germany´s Next Topmodel“-ZuschauerInnen jede/r Zweite, die bzw. der sich vorstellen könnte, einen solchen Karriereweg einzuschlagen.

Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper & verändertes Schönheitsempfinden

Aspekte wie Körper, Aussehen und Schönheit werden insbesondere für Mädchen in der Pubertät extrem wichtig und gewinnen an Einfluss auf das Selbstbe-
wusstsein und Selbstwertgefühl. Model-Castingshows bieten in diesem Zusammenhang „Gebrauchsanweisungen“ für die Herausbildung von Identität und eigenem Stil, da die Mädchen darin vielfältige Hinweise in Punkto Aussehen, Mode oder auch körperlichem Ausdruck erhalten (vgl. Götz & Gather 2010b).

Was eigentlich positiv klingt, birgt durchaus problematische Entwicklungen. Auf die Frage „Wirst du durch die Sendung angeregt, über deinen Körper nachzudenken?“, antworten viele Mädchen mit „Ja“ und berichten – aus Bewunderung oder Neid den Kandidatinnen gegenüber – weniger zu essen oder mehr Sport zu treiben. Dem perfekten Schlankheitsideal eifern dabei nicht nur ältere Jugendliche nach, auch 11-jährige Mädchen der fünften Klasse geben an, seit sie die Sendung verfolgen, mit Bauch und Beinen unzufrieden zu sein.

Neben einem wachsenden Schlankheitsstreben konnte die IZI-Studie darüber hinaus belegen, dass es bei den ZuschauerInnen zu Veränderungen des Schönheitsempfindens kommt. Aufgefordert, aus neun Frauenbildern das schönste auszuwählen, entschieden sich regelmäßige Modelshow-SeherInnen im Vergleich zu Nie-SeherInnen deutlich häufiger für einen extrem schlanken, durchtrainierten und fotografisch perfekt inszenierten Körper.

Fazit

Model-Castingshows genießen bei Kindern und Jugendlichen nach wie vor einen hohen Stellenwert. Die Motive für das regelmäßige Verfolgen der Sendung sind vielfältig und häufig auch sozial relevant. Zu den negativen Effekten zählt, dass makellose Schönheit und Schlankheit gleichgesetzt wird mit Erfolg und Anerkennung, was Jugendliche häufig unreflektiert auf ihre eigene Lebenswelt übertragen. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, die Medienkompetenz der heranwachsenden ZuschauerInnen zu fördern, damit sich diese ausreichend vom TV-Format distanzieren können.

Quellen:

Götz, Maya & Gather, Johanna (2010a): Deutschland sucht den Superstar und Germany´s Next Topmodel. Castingshows und ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche. Verfügbar unter: http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/castingshows_bedeutung.pdf [Stand: 14.02.2012].

Götz, Maya & Gather Johanna (2010b): Wer bleibt drin, wer fliegt raus? Was Kinder und Jugendliche aus Deutschland sucht den Superstar und Germany´s Next Topmodel mitnehmen. In: Televizion 23/2010/1, S. 52-59. Verfügbar unter: http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/23_2010_1/castingshows.pdf [Stand: 14.02.2012].

Hackenberg, Achim & Hajok, Daniel (2010): Castingshows und Coachingsendungen im Fernsehen. Eine Untersuchung zur Nutzung und Bewertung durch Jugendliche und junge Erwachsene. In: tv diskurs 51/2010, S. 58-71. Verfügbar unter: http://www.fsf.de/php_lit_down/pdf/hackenberg_etal058_tvd51.pdf [Stand: 14.02.2012].

Du hast Fragen? Zu Dir, zu einer Freundin, einem Freund, oder etwas anderem? Schreib uns einfach!

beratung@bkk-bauchgefuehl.de

Das Therapienetz Essstörung beantwortet gerne Deine Fragen.

Ein Feind schadet, verletzt, zerstört. Doch schlimmer ist ein falscher Freund – meiner war der Zwang zu hungern.

Lest hier den preisgekrönten Artikel von Corinna Huber....