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Körperunzufriedenheit – Dünne Ideale bereits in Kita und Grundschule?

„Schon in der Grundschule werden erste Diätwettbewerbe gestartet.“ – diese Beobachtung schilderten uns Lehrerinnen und Lehrer wiederholt im Rahmen der Fortbildungen zum Unterrichtsprogramm „bauchgefühl“. Traurige Einzelfälle oder verbreitetes Phänomen? Wir wollen genauer wissen, wie es um die Körperzufriedenheit im Kindesalter steht und nehmen dazu die Kleinsten in den Blick…

Vier- bis Sechsjährige: Zufriedenheit mit dem eigenen Körper hängt vom Gewicht ab
Unsere Recherche führt uns nach Österreich: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt erforschten jüngst anhand einer Stichprobe von 324 Vier- bis Sechsjährigen, wie zufrieden Kindergartenkinder mit ihrem Körper sind (vgl. Jenull et al. 2013). Erhoben wurde dies mit Hilfe eines Figurenstimuli-Tests, bei dem die Kinder aus sieben weiblichen oder männlichen Körpersilhouetten – von ganz dünn bis ganz dick – auswählen sollten, welche ihnen (a) am ähnlichsten sieht und wie sie (b) am liebsten aussehen würden. Darüber hinaus wurden auf spielerische Weise Diätbewusstsein sowie Ernährungs-, Beschäftigungs- und Bewegungsvorlieben der Kinder erfasst.

Ein Großteil der befragten Kinder wurde als normalgewichtig eingeschätzt(72%). Je 14% waren unter- bzw. übergewichtig. Der Figurenstimuli-Test ergab, dass 22% der kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrem Körper zufrieden waren und auch eine Idealfigur wählten, die ihrem eigenen Körperbild entspricht. Eine dünnere Figur präferierten 43%, während sich 36% für eine dickere Figur aussprachen (etwa mit der Begründung: „Die ist schon älter und geht bereits in die Schule.“). Interessant ist, dass sowohl unter- als auch übergewichtige Kinder ein Idealbild bevorzugen, das dünner ist, als sie selbst, während normalgewichtige Kinder am häufigsten eine normalgewichtige Silhouette wählen. Weiterhin ließ sich feststellen, dass der Wunsch schlank zu sein, mit steigendem Alter zunimmt.

Auch das Diätbewusstsein war bei den Vierjährigen nur sehr gering ausgebildet, während bei den Fünf- bis Sechsjährigen bereits drei Viertel der befragten Kinder Übergewicht mit ungesunden Ernährungsgewohnheiten erklären konnten und zur Gewichtsreduktion in erster Linie Diäten und gesteigerte körperliche Aktivität vorschlugen. Darüber hinaus deutet die Studie auf einen Zusammenhang zwischen häufigem TV-Konsum und der Vorliebe für süße und fette Nahrungsmittel hin.

Körperunzufriedenheit nimmt mit dem Alter zu
Auch andere Studien konnten belegen, dass gewichtsbezogene Körperunzufriedenheit und Gewichtssorgen bereits teilweise bei Kindern im Vorschulalter auftreten (z. B. Davison et al. 2002; Dittmar et al. 2006). Bei ca. einem Viertel der Mädchen zwischen vier und sechs Jahren konnten einige Untersuchungen ein dünneres Körperideal (z. B. Dohnt & Tiggemann 2006) oder Sorgen rund ums Gewicht (Davison et al. 2000) aufdecken. In der Gesamtschau deuten die Ergebnisse jedoch glücklicherweise darauf hin, dass Kinder dieser Altersgruppe noch mit ihrem Körper und Gewicht im Reinen sind (Bender 2011).

Mit zunehmendem Alter lassen sich jedoch deutliche Veränderungen beobachten: „Spätestens ab dem Alter von sieben Jahren, wahrscheinlich bereits früher […], haben Kinder die kulturellen Wahrnehmungen zu Attraktivität übernommen und können Objekte und auch die Größe des eigenen Körpers relativ genau einschätzen. Körperunzufriedenheit scheint sich somit im Alter zwischen fünf und sechs Jahren zu entwickeln“ (ebd. S. 18). Jungen dieses Alters wünschen sich offenbar zusätzlich, größer zu sein und mehr Muskeln zu haben (vgl. Ricciardelli et al. 2003).

In der Pubertät erreicht die Körperunzufriedenheit schließlich ihren Höhepunkt. Bis zu 70% der Mädchen stehen in dieser Lebensphase mit ihrem Körper und Gewicht auf Kriegsfuß, was Wissenschaftler dazu bringt, in Punkto Körperunzufriedenheit von einem „normativen Phänomen“ zu sprechen (Phares et al. 2004).

Kinder frühzeitig stärken
Angesichts dieser Befunde liegt die Notwendigkeit einer früh einsetzenden Prävention auf der Hand. Leibeslust – Lebenslust ist ein beispielhaftes Projekt, das sich in Schleswig-Holstein bereits im vorschulischen Setting dem Training kindlicher Körperwahrnehmungen sowie der Sensibilisierung von Kita-Team und Eltern widmet.

Quellen:

Bender, C. (2011). Körperunzufriedenheit und körperbezogene Informationsverarbeitung bei Kindern. Dissertation. Online verfügbar unter: URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8402/pdf/KUZ_CB.pdf [Stand: November 2013].

Davison, K. K.; & Birch, L. L. (2002). Processes linking weight status and self-concept in girls at ages 5 and 7 years. Developmental Psychology, 38, 735-748.

Davison, K. K.; Markey, C.; & Birch, L. (2000). Etiology of body dissatisfaction and weight concerns among 5-year-old girls. Appetite, 35, 143-151.

Dohnt, H. K.; & Tiggemann, M. (2006). Body image concerns in young girls: The role of peers and media prior to adolescence. Journal of Youth and Adolesence, 35, 141-151.

Jenull, B.; Frate, N.; Birnbacher, R.; Strauss, I. Hilbert, A. (2008). Körperzufriedenheit und Diätbewusstsein bei vier- bis sechsjährigen Kindern. In: Abstractbook. Kongress Essstörungen 2013, Alpbach, 33.

Phares, V.; Steinberg, A. R.; & Thompson, J. K. (2004). Gender Differences in Peer and Parental Influences: Body Image Disturbance, Self-Worth, and Psychological Functioning in Preadolescent Children. Journal of Youth and Adolescence, 33(4), 421-429.

Ricciardelli, L. A.; McCabe, M. P.; Holt, K. E.; & Finemore, J. (2003). A biopsychosocial model for understanding body image and body change strategies among children. Journal of Applied Developmental Psychology, 24, 475-495.

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