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"Pommesbomber geh mal duschen!" - Stigmatisierung bei Adipositas kann Essstörungen fördern

Faul, maßlos, unhygienisch, weniger intelligent – diese und andere Stigmatisierungen und Vorurteile begegnen übergewichtigen Menschen tagtäglich. Auch viele adipöse Kinder und Jugendliche bekommen bereits auf dem Schulhof den Stempel „Biggest Loser“ aufgedrückt. Erfahren Sie, welche Folgen ständige gewichtsbezogene Hänseleien und Ausgrenzungen haben und was Sie als Lehrende zum nicht-stigmatisierenden Umgang mit adipösen Schülerinnen und Schülern beitragen können.

Dick = faul = doof – Kein Stigma ist gesellschaftlich so akzeptiert

Übergewicht ist eines der stärksten stigmatisierenden körperlichen Merkmale. Im letzten Jahrzehnt hat die gewichtsbezogene Stigmatisierung, die Betroffene in zahlreichen Lebensbereichen, wie in der Schule, in Ausbildung und Beruf, im Gesundheitswesen oder auch in persönlichen Beziehungen erleiden müssen, erheblich zugenommen (vgl. Rehaag 2011).

Im Rahmen einer repräsentativen Umfrage, bei der den Teilnehmenden ausgewählte Stereotypen (z. B. „Dicke Menschen haben keine Willenskraft.“) vorgelegt wurden, stimmten 23% den Aussagen zu, während lediglich 21% diese entschieden ablehnten. Über die Hälfte (55%) zeigte sich darüber hinaus unentschieden, was auf eine latente Zustimmung hinweisen kann (vgl. Hilbert et al. 2008).

Bei Kindern lassen sich aufs Gewicht bezogene stigmatisierende Einstellungen bereits ab einem Alter von drei Jahren beobachten. Adipöse Kinder gelten schon im Sandkasten als „gemein, dumm, hässlich und faul und werden als Spielkameraden abgelehnt.“ (Hilbert 2008, S. 289). Das Ausmaß der Stigmatisierung wird dabei von der Höhe des Übergewichts bestimmt.

Ständiges „Dissen“ bleibt nicht folgenlos

Ausgelacht, ausgegrenzt, „Monsterkröte“ genannt und im Sportunterricht immer als Letzte_r in die Mannschaft gewählt zu werden – all das hinterlässt bereits im Kindes- und Jugendalter Spuren. Wie Studien belegen, steigern Erfahrungen, die derart negativ auf das Selbstwertgefühl wirken, das Risiko, Körperunzufriedenheit, Essstörungen mit wiederkehrenden Essattacken, Depressionen oder kardiovaskuläre Erkrankungen zu entwickeln (vgl. exempl. Puhl & Latner 2007). Schlechtere Schulleistungen und ein schleichender selbstgewählter Rückzug, der die soziale Isolation zusätzlich verstärkt, sind ebenfalls häufig eine Folgen des gewichtsbezogenen Mobbings.

Raus aus der Stigmatisierungsfalle – Das können Sie tun

Adipösen Menschen auf eine nicht-stigmatisierende Weise zu begegnen, basiert in erster Linie auf einer Grundhaltung, die sich durch einen sensiblen Umgang mit den Themen Gewicht, Figur und Adipositas kennzeichnet und dem Gegenüber Wertschätzung losgelöst von der Zahl auf der Waage entgegenbringt (vgl. Universitätsklinikum Leipzig & Medizinische Fakultät der Universität Leipzig 2012).

Vor Schubladendenken und Ressentiments sind wir alle nicht gänzlich gefeit… Seien es Kolleg_innen, Freund_innen, Schüler_innen oder völlig Fremde: Haben Sie schon einmal Ihre persönlichen Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber adipösen Menschen hinterfragt? Steht für Sie das Übergewicht im Fokus? Würden Sie Ihrem übergewichtigen Gegenüber anders begegnen, wenn sie oder er 10 Kilo weniger auf die Waage bringen würde? Und ziehen Sie vom Gewicht negative Schlüsse auf Eigenschaften, Lebensweise und Gesundheit?

Nachfolgend haben wir Ihnen einige konkrete Praxistipps für den schulischen Kontext zusammengefasst, die gewichtsbezogenen Stigmatisierungen entgegenwirken (vgl. ebd.):

  • Aktive Aufklärung betreiben: Nutzen Sie Projekttage, AGs, Elternabende und Konferenzen, um Schüler_innen, Eltern und Kolleg_innen für das Adipositas-Stigma zu sensibilisieren und somit Vorurteilen und Diskriminierungen an Ihrer Schule keinen Raum zu geben.
  • Augen auf und handeln: Bei Stigmatisierungen, wie Hänseleien oder Ausgrenzungen von übergewichtigen Schüler_innen nicht wegschauen, sondern diese thematisieren und zur Aufklärung nutzen.
  • Das Gespräch suchen: Wenn Sie sich um das Gewicht und die Gesundheit einer Schülerin oder eines Schülers sorgen, sprechen Sie das Mädchen oder den Jungen darauf an und beziehen Sie evtl. auch die Eltern mit ein. Sofern verfügbar, nutzen Sie die Unterstützung von Schulsozialarbeiter_in oder -psycholog_in. Konkrete Empfehlungen für ein solches Gespräch finden Sie hier.

Selbsttest: Wie stark sind meine Vorurteile?

Auf der Website „Stigmatisierung bei Adipositas“ des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen der Universität Leipzig können Sie sich selbst überprüfen. Der Test beinhaltet eine Palette von Aussagen zum Thema Übergewicht und Gesellschaft. Nachdem Sie angegeben haben, inwiefern Sie den Aussagen zustimmen, können Sie Ihre Antworten im Rahmen der Auswertung mit den Werten einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung vergleichen.

Quellen:

Hilbert, A. (2008): Soziale und psychosoziale Auswirkungen der Adipositas: Stigmatisierung und soziale Diskriminierung. In: Herpertz, S.; de Zwaan M.; Zipfel, S. (Hrsg.): Handbuch der Essstörungen und Adipositas. Berlin: Springer; 288-291.
Puhl, R. M.; Latner, J. D. (2007): Stigma, obesity, and the health of the nations’s children. In: Psychological Bulletin (133), 557-580.

Rehaag, R. (2011): Der Umgang mit Dicksein – Stigmaerleben und Bewältigungsformen sozial benachteiligter übergewichtiger Kinder und Jugendlicher. In: Gesundheitswesen (73), A318.

Universitätsklinikum Leipzig; Medizinische Fakultät der Universität Leipzig (2012): Praktische Empfehlungen zum nicht-stigmatisierenden Umgang mit adipösen Menschen. Online verfügbar unter: http://www.adipositasstigma.de/praxis/praktische_empfehlungen.php [Stand: 12.07.2013].

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