Bleiben, abholen, bleiben, abholen… Lange überlege ich hin und her. „Ach komm, Cori. Ich bin ja auch trotz meines gebrochenen Arms mitgefahren. Du verpasst einen Heidenspaß!“ Na ja, einen Heidenspaß? Vroni versucht mich zu überzeugen und lässt nicht locker. „Kannst uns doch nicht alleine lassen.“ Ich kämpfe mit mir, bin wie zweigeteilt. Doch meine Panik vor dem Essen, der erzwungenen Ruhe und vor mir selbst ist das überzeugendste Argument, mein verstauchter Fuß Nebensache. „Ich werde nach Hause fahren.“ Ich entscheide mich endgültig. Mit schlechtem Gewissen. Und einer Ausrede: „Mein Fuß schmerzt zu sehr.“
„Gegen drei Uhr wird Papa bei dir sein“, erzählt mir Mama am Telefon. Ich beginne schon die Stunden zu zählen. Wartend sitze ich gemeinsam mit unserer Referendarin im Speisesaal. Es ist still.
Mein Kopf ist leer. Nur warten, warten bis Papa kommt und mich mitnimmt. Weg, weit weg, weg von diesen quälenden Gedanken.
Wieder der Blick in den Spiegel. Dieses Gesicht. Diese Augen. Fremd. Leer. Leblos. Frau Lindner fällt plötzlich in die Stille ein: „Wie geht es dir denn?“ Ich schaue sie etwas irritiert an. Was soll denn die Frage? Ich spüre Unsicherheit in ihrer Stimme. „Mir…“, setzt sie fort, „mir ist dein Essverhalten aufgefallen.“ Nein, bitte nicht. Bitte nicht dieses Thema. „Du hast fast nichts gegessen und bist auch noch so wahnsinnig dünn. Außerdem machst du einen traurigen Eindruck.“ Für den Bruchteil einer Sekunde herrscht Schweigen, doch spielt sich in diesem kurzen Augenblick so viel in meinem Kopf ab. Wie lange habe ich auf diese Frage gewartet. Ich weiß, ich werde mich jetzt dafür hassen, mich selbst fertig machen, aber…
Ich breche in Tränen aus. Ich kann nicht! Es geht einfach nicht mehr! Frau Lindner legt ihre Hand auf meine. Alles fängt an aus mir herauszusprudeln. Unkontrollierbar. Ich weiß selbst nicht genau, was ich erzähle und was nicht. Meine Worte werden mir immer unheimlicher. Doch durch mein Geständnis, durch die Preisgabe meiner Gedanken wird mir plötzlich etwas bewusst: Mir geht es ganz und gar nicht gut, mir geht es beschissen.
Ich schließe meine Lippen wieder und muss erst einmal tief einatmen. Verzweifelt, hoffnungslos und hilfesuchend blicke ich Frau Lindner in die Augen. „Corinna, du hast wahrscheinlich Magersucht. Ich selbst kenne diese Krankheit natürlich nur oberflächlich und bin auch kein Arzt, der die Diagnose stellen kann. Aber ich helfe dir auf jeden Fall. Wenn du willst.“ Frau Lindner erzählt von einem Vortrag des Therapie-Zentrums für Essstörungen, kurz TCE, der vor Eltern und Lehrern erst kürzlich gehalten wurde. „Ich fahre mit dir auch gerne einmal nach München, dann kannst du dir dieses Zentrum ansehen.“ Ich sage nicht mehr viel dazu. In meinem Kopf herrscht Chaos, ich muss erst alles ordnen. Aber Frau Lindner erwartet auch keine Reaktion von mir. Plötzlich steht Papa in der Tür und holt mich aus meinem Gedankenwirrwarr. „Das ist nur ein Angebot. Überlege es dir einfach. Hier“, sie gibt mir einer Zettel mit ihrer Nummer, “du kannst jederzeit anrufen. Ich bin für dich da.“ Nur ein „Danke“ bringe ich aus mir heraus, bevor ich mit Papa ins Auto steige.
Die Autofahrt ist wie eine Reise durch mich selbst. Ich bekomme nichts mit, starre nur zum Fenster hinaus. Meine Gedanken springen kreuz und quer. Magersucht. Es hallt in meinem Kopf. Magersucht. Noch völlig benommen komme ich zu Hause an. Meinen Eltern erzähle ich nur kurz von meinem verstauchten Fuß, mehr geht jetzt nicht. Ich verstehe ja selbst nicht einmal, was gerade in mir vorgeht.
Ich verschwinde in mein Zimmer, stelle mich vor den Spiegel. Meine Körperwahrnehmung wird immer verzerrter. Dieses Walross, das ich dort sehe, bin doch ich. Wieso sollten meinen Augen lügen? Nein, ich kann nicht untergewichtig und schon gar nicht magersüchtig sein. Das geht einfach nicht. Je länger ich in den Spiegel blicke, desto dicker werde ich. Überall ist Fett. Ich bin nicht krank, nein. Ich sehe ja, wie ich ausschaue. Ich muss weiter abnehmen. So werde ich nie glücklich und zufrieden. Weiter machen, weiter. Einfach weiter…Unter Tränen breche ich zusammen. Weshalb habe ich damit nur angefangen? Warum habe ich es so toll gefunden, dass ich vor anderthalb Jahren nach einer schweren Grippe so viel Gewicht verloren hatte? Wie kam es, dass ich immer weniger essen und immer mehr abnehmen wollte? Und warum habe ich mir gewünscht magersüchtig zu sein, obwohl ich es doch zu dem Zeitpunkt schon längst war?
Wieder der Blick in den Spiegel. Dieses Gesicht. Diese Augen. Fremd. Leer. Leblos. Schwarz. Hilfe. Ich brauche Hilfe.
In den folgenden Tagen bin ich kaum ansprechbar und rede selbst auch nicht viel. Ich hasse mich für meine Schwäche. Die Abwertungen werden stärker und stärker. Und doch finde ich mich vor dem Sportlehrerzimmer wieder. „Ich würde Ihr Angebot gerne annehmen“, sage ich unsicher, nachdem ich eingetreten bin. Frau Lindner lächelt mich aufmunternd an. „Finde ich stark von dir.“ Stark? Stark, obwohl ich gerade dabei bin, meine eigenen Vorsätze zu verraten? Sie gibt mir einen Prospekt des TCE. „Von mir aus können wir gleich nächsten Samstag nach München fahren“, schlägt Frau Lindner vor. Ich stimme zu. „Aber reden Sie bitte nicht mit meinen Eltern.“ Die Tür geht zu und ich gehe in die Pause zurück.
„Magersüchtig“, hat Frau Dr. Gerlinghoff, die Psychologin gesagt, „eindeutig“. Es ist still im Auto neben Frau Lindner. Nur der CD-Player spielt leise Musik. Der Tanz der Vampire. Die Gesprächsrunde im TCE will nicht aus meinem Kopf. Einerseits hat es wahnsinnig gut getan. Ich konnte so viel erzählen, meine ganzen Ängste und Gedanken aussprechen. Und wurde verstanden. Die Mädchen, die dort eine Therapie machen, nahmen mir die Worte aus dem Mund und konnten meine angefangenen Sätze vervollständigen. Ich bin also nicht allein, bin nicht der einzige Alien auf diesem Planeten. Frau Lindner holt mich aus meinen Gedanken und beginnt ein Gespräch. Würde ich bloß nie daheim ankommen! „Was machen wir jetzt mit deinen Eltern? Soll ich dich noch begleiten?“ Sie hält in unserer Ausfahrt. „Ja, bitte. Erzählen Sie es ihnen.“ Ich wüsste nicht, wie ich das meinen Eltern sagen sollte. Komme ja selbst kaum mit.
Es ist ganz still, als wir das Haus betreten. Mama und Papa sind zwar da, doch niemand sagt etwas. Auch die Begrüßung fällt kurz aus. Zusammengekauert sitze ich an unserem Küchentisch. Frau Lindner neben mir und meine Eltern gegenüber. Ich sehe Mama in die Augen. Dieser Blick. Genau der, den ich immer in meinem Kopf habe: Sorge, Angst um ihr Kind. Sie weiß alles, alles ist ihr klar, doch sie will es genauso wenig wahrhaben wie ich. „Corinna hat Magersucht. Sie braucht Hilfe“, beendet Frau Lindner ihren Bericht über unseren Tag, den Tag, der Himmel und Hölle auf die Erde brachte. Papa muss tief einatmen. Mama nickt nur.
Völlig geschafft lasse ich mich auf unseren Wohnzimmersessel fallen. Frau Lindner ist gerade eben gefahren. Mama und Papa tauschen kurz ein paar Worte aus anschließend verschwindet Papa im Bad. Mama kommt zu mir ins Wohnzimmer. Sie beugt sich über die Sessellehne und nimmt mich in den Arm, drückt mich fest an sich. Ihre Hände streicheln meinen Kopf. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht, ich weiß nicht, was kommen wird. Doch eines ist mir klar: Heute habe ich angefangen zu kämpfen. Für mich.
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